Flughafen Los Angeles. Ein früher Abend im Juli und die bunten Lichter der Stadt treten an die Stelle des Sonnenlichts. Auf einem Bildschirm am Gate schimmert stumm die Flugnummer QF3226. Abflug um 22:40 Uhr, Ankunft um 6:35 Uhr. 12 Stunden und 45 Minuten bis nach Neuseeland. Nach 6 Jahren ist es also endlich wieder soweit: Die Rückkehr nach Hause. Dorthin, wo der Großteil meiner Familie lebt, wo ich mich mit den Menschen verbunden fühle und mich mit der Art und Weise, wie man miteinander lebt, identifizieren kann.

Die letzten Tage an der Westküste waren allesamt sonnig und mit Temperaturen um die 25 Grad angenehm warm. Los Angeles war gut zu den Menschen, egal ob von nah oder fern. Bei früheren Besuchen habe ich die Stadt stets als zu „groß“ empfunden. Als etwas, das seinem eigenen Mythos aus den zahlreichen Filmen und Serien nicht gerecht wird, es aber vielleicht auch gar nicht erst versucht. Auch durch die aufschlussreichen Stunden in Venice Beach scheine ich erst allmählich zu verstehen, wie Los Angeles, Kalifornien und die US-Westküste überhaupt funktionieren. Tatsächlich werden die Menschen, die die Pazifikküste ihre Heimat nennen dürfen, mit einer bewundernswerten Gelassenheit gesegnet, die sich mit der Zeit in ausgewogener Souveränität ausdrückt. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Koexistenz und Selbstentfaltung natürlicher Bestandteil dieser Lebensart, die Kalifornien zu dem machen, was es (zumindest für mich) verkörpert: Ein Ort des Reichtums, wo man Teilen der Welt und traditionellen Denkweisen weit voraus ist und wo die Menschen aus einem gefühlt unendlichen Reservoir aus Inspiration und freigeistigem Selbstverständnis ihre Kreativität erlangen. Nicht nur die rein künstlerische Inspiration und Kreativität, aber vielmehr eine grundlegende Idee für die eigene Lebensanschauung. Wer sich darauf einlassen kann, der wird nach und nach den beruhigenden Effekt wahrnehmen können, der in einer Art innerer Harmonie seinen größten Ausdruck findet. Bei jeder Reise nach Kalifornien schätze ich mich glücklich, dass ich etwas von dieser Lebensart für den Moment, aber auch langfristig mitnehmen kann. Auch dieses Mal war das wieder der Fall, obwohl der Aufenthalt nur ein paar Tage gedauert hat. Aber im Anschluss an den kleinen „Ausflug“ nach Neuseeland sollten ja noch 10 Tage in Kalifornien folgen. Die Aussichten könnten nicht besser sein!

 

Venice Beach
Venice Beach

13 erstaunlich angenehme Stunden über dem Pazifik

Am Gate in Los Angeles fanden sich zu immer später werdenden Abendstunden weitere Fluggäste ein, die aus irgendeinem Grund dem Sommer auf der Nordhalbkugel für eine kurze Zeit entfliehen wollten. Vielleicht handelte es sich aber auch einfach um die gleichen Glückspilze, die eins der durchaus preiswerten Hin-und-Rückflugtickets für gerade mal 190€ ergattern konnten. Jedenfalls war es nicht verwunderlich, dass es sich um einen komplett ausgebuchten Flug handelte. In einer nagelneuen Boeing 787 mit geräumiger Kabine und relativ komfortablen Sitzen verließen wir pünktlich den Flughafen von Los Angeles und machten uns quer über den Pazifik auf die fast dreizehnstündige Reise nach Auckland. Was für viele Reisende angesichts der langen Flugdauer eher einer Horrorvorstellung gleichkommt, entpuppte sich als überraschend angenehme Reise über den Wolken. Auch ich hatte so meine Bedenken, zumal ich mich doch vor ein paar Tagen erst an den Sitz beziehungsweise an das Bett in der First Class gewöhnt hatte. Die meiste Zeit konnte ich jedoch tatsächlich schlafend verbringen, obwohl sich dieses Vorhaben in der Economy meist durch die schmalen Sitze und den geringen Abstand zum Vordermann eher schwierig gestaltet. Die Verpflegung an Bord machte einen frischen und dadurch appetitlicheren Eindruck als üblich und hinterher gab es sogar noch ein Eis am Stiel! Manchmal braucht es erstaunlich wenig, um jemanden in der Gefangenschaft über den Wolken glücklich zu machen.

Einreise in Neuseeland: Gutes muss geschützt werden

Nach meiner Ankunft am 25.12.2009, einem Jahr Work and Travel inklusive mehrmonatiger Arbeit auf einer Kiwiplantage, einem Road Trip vom Cape Reinga im Norden bis nach Bluff (fast) ganz im Süden und diversen Abstechern nach Tonga, habe ich Neuseeland am 23.12.2010 verlassen. Schon damals bei der Abreise habe ich mir versprochen, dass ich zurückkehren würde, um etwas von mir wiederzuholen, was ich dort zurückgelassen habe. Wobei ich zu diesem Zeitpunkt nicht mal die geringste Ahnung davon hatte, was genau dieses „etwas“ eigentlich war. Mittlerweile würde ich es am ehesten als den Teil meiner Identität bezeichnen, von dessen Existenz und gleichzeitiger Unvollkommenheit ich bis zu meiner Reise nicht die geringste Ahnung hatte.

Noch vor der eigentlichen Ankunftszeit erreichten wir im Morgengrauen den Flughafen von Auckland und schon wie im Jahr 2010 war das Wetter regnerisch-bescheiden, obwohl meine Ankunft damals im Hochsommer war. Etwas anderes hatte sich seitdem aber sehr verändert: Neuseeland ist bekannt für seine sehr strikten Einreisevorschriften. Vor allem bei unverarbeiteten Nahrungsmitteln und Erdrückständen an Schuhsohlen ist man (zu Recht) sehr empfindlich, da die heimische Flora etwa durch eingeschleppte Pflanzensamen nur allzu leicht zerstört werden könnte. So passierte es mir beispielsweise, dass meine letzte Einreise beinahe wieder mit meiner direkten Zwangsabreise geendet hätte. Erst hieß es, dass ich dem neuseeländischen Staat 10.000 Dollar in Form einer Strafe spenden darf, da ich meine Sportschuhe auf dem Zollformular als „sauber“ oder „nicht-gefährdend“ angegeben hatte, was man offensichtlich stark angezweifelt hat. Obwohl ich sonst durchaus gerne 10.000 Dollar in Münzen bei mir trage, hatte ich das Geld diesmal leider nicht zur Hand (und besaß es auch nicht mal ansatzweise). Doch nach mehrmaliger Röntgenkontrolle und meiner Erklärung, dass die Schuhe lediglich auf Kunstrasen zum Einsatz gekommen sind, durfte ich letztendlich einreisen. Kurz wischte ich mir daraufhin die durch einen spontanen Heulkrampf verlaufene Wimperntusche aus dem Gesicht und ein paar Minuten später stand ich erleichtert auf neuseeländischem Boden.

In der Zwischenzeit scheint man allerdings sogar noch strengere Vorschriften eingeführt zu haben. Nach der Landung wurde uns über die Sprechanlage des Flugzeugs mitgeteilt, dass die neuseeländische Regierung zwar alle ankommenden Passagiere herzlich willkommen heißt, aber um das Land zu beschützen und sauber zu halten, würde in den nächsten Minuten ein Flughafenmitarbeiter kommen, um die Kabine mit einem Insektizid zu „reinigen“. Was an Bord für ein wenig Verwunderung sorgte und manch einer scheinbar für einen Witz hielt, wurde ein paar Augenblicke später in die Tat umgesetzt, was schlagartig für Stille im Flugzeug sorgte: Eine mit zwei Spraydosen bewaffnete junge Frau betrat den Flieger an der vordersten Tür, lief die Gänge auf und ab und versprühte dabei das, was auch immer in den Dosen war. Zugegeben: Ein bisschen absurd war die Situation schon, aber irgendwo macht es wahrscheinlich Sinn. Wer die Tier- und Pflanzenwelt Neuseelands schonmal erlebt hat, wird mir zustimmen, dass diese unbedingt schützenswert sind.

Das übrige Prozedere und die weiteren Einreisekontrollen (Neuseeland ist so putzig und benutzt mittlerweile furchteinflößende Dackel als Drogenspürhunde) verliefen diesmal ohne Zwischenfälle. Eine asiatische Passagierin hatte allerdings bei dem Versuch, ihre Wurstbrote ins Land zu schmuggeln, nicht so viel Erfolg und wurde bei der Einreise gesondert „behandelt“. Hoffentlich hatte sie das nötige Kleingeld dabei.

Eine schmerzhafte Tradition

Nach den ersten paar Tagen in Auckland, die der Familie gewidmet wurden, einer Unmenge von verschlungenen Meat Pies und der Wiedereingewöhnung an den Linksverkehr, folgten in den nächsten Wochen kleinere Ausflüge in die Vergangenheit, die jedoch nach wie vor eine große Bedeutung für mich in der Gegenwart haben und auch für die Zukunft haben werden. Und um all das immer präsent zu haben, erschien es mir durchaus hilfreich zu sein, wenn ich mir direkt zu Beginn mittels Schmerzen und Tinte eine Erinnerung in Form einer Tätowierung unter die Haut jagen lasse! Schon 2010 hatte ich mir in Tonga den kompletten rechten Arm mit traditionellen tongaischen Mustern tätowieren lassen, um stets ein Stück Heimat und Geschichte bei mir tragen zu können. Außerdem, wenn ich schonmal hier war, konnte ich den Moment doch gleich nutzen, um den Grundstein für eine Tradition zu legen: Wann immer ich in Zukunft zurückkehre, gibt es zur „Belohnung“ ein Tattoo. Wie praktisch, dass der Bruder meines ersten Tätowierers ein kleines Studio in Auckland hat. Nachdem ich auf die Tränendrüse gedrückt hatte, weil die Anreise ja so lang war und wir auf irgendeine Art und Weise Familie sind, konnte er mir sogar kurzfristig einen Termin geben.

Kalia Tattoo
Kalia Tattoo – Noch relativ entspannt
Kalia Tattoo
Kalia Tattoo – Es nimmt Gestalt an

 

 

 

 

 

 

 

 

Kalia Tattoo
Kalia Tattoo – Zumindest einer hat Spaß
Kalia Tattoo
Kalia Tattoo – Ich glaube, hier war das Schmerzlevel bei „uncool“
Kalia Tattoo
Kalia Tattoo – Die immer reisende Schildkröte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Dinge, die muss man nicht haben. „Muss das hier jetzt alles sein? Wie lang dauert der Dreck denn noch?“ waren die Fragen, die mir gegen Ende der Sitzung am häufigsten durch den Kopf gingen. Alles schmerzt, die Haut ist geschwollen, entzündet, überall ist Blut und das Bein zuckt unkontrolliert, wenn die Nadel auf die Haut trifft. Aber man sagt in Tonga auch nicht umsonst, dass man sich ein Tattoo verdienen muss. Und Schmerz ist zweifelsohne ein Teil vieler Reisen, aber durch ihn und das damit verbundene Überwinden von Hürden werden wir gestärkt, was uns als Persönlichkeit wachsen lässt und weiter voranbringt. Die Schildkröte symbolisiert eben dieses ständige Auf-der-Reise-sein in all seinen Facetten, sei es abstrakt oder real, leicht oder schwer. Diesmal habe ich allerdings etwas mit auf den Weg bekommen, was noch viel bedeutender ist als das reine Symbol: Eine Richtung. Eine Aufgabe. Und damit wieder einen Teil Identität. Ich sehe das Reisen und alles, was ich während dieser Zeit lernen kann, als Aufgabe und als Weg, um meine Vorstellung von einem erfüllten Leben zu verwirklichen.

Bereits kurz nach der Prozedur war ich davon überzeugt, dass sich jeder schmerzhafte Stich gelohnt hat. Und trotzdem gab es in den Tagen danach noch Momente, in denen ich alles und jeden verflucht habe. Doch die (Wieder-) Entdeckung Neuseelands hatte gerade erst so richtig angefangen, so dass jeglicher Schmerz schon bald vergessen sein sollte.

Schon bald geht es weiter zur wunderbaren Cathedral Cove, dann nach Tauranga und Mount Maunganui, wo ich viele unvergessliche Momente meines Lebens erlebt habe, über die Thermalstadt Rotorua bis nach Wellington. Ich freue mich sehr, schon bald darüber schreiben zu können!

 

Cathedral Cove
Cathedral Cove

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Von einem, der wegging, um nach Hause zu finden I

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s