Ein wenig missmutig, aber auch etwas „alkophorisiert“ (Begriff ist geschützt; Finger weg!) verließ ich im Anschluss an die Landung und nach der freundlichen Verabschiedung durch die Crew meinen liebgewonnenen First-Class-Sitz, um zum ersten Mal in meinem Leben den Flughafen von Dallas/Fort Worth im Bundesstaat Texas zu betreten. „Oh man, hier kommen die Flugzeuge bestimmt hin, um zu sterben“ war mein erster, mitleidiger Gedanke, da es doch ziemlich offensichtlich war, dass der Zahn der Zeit an so ziemlich jeder Ecke nagte. „Welcome to Dallas, Mr. Zimmermann. How was your flight?“ erkundigte sich kurz nach dem Verlassen des Flugzeugs eine junge Frau in einer Lufthansa-Uniform und mit einer Namenstafel in der Hand bei mir und den anderen ankommenden Fluggästen aus der First. Ihr Name: Kyoko. Sie sah auch aus wie eine typische Kyoko (klein, knuffig, weiß wie ein Geist), stammt aus Japan in der Nähe von Hiroshima und arbeitete nach eigener Auskunft noch nicht allzu lang für die Lufthansa. Herzlich und mit einem Lächeln begrüßte sie auch die übrigen Passagieren, um uns dann anschließend auf dem Weg durch die Passkontrolle und zum Gepäckband zu begleiten. Dass sie erst seit kurzer Zeit ihrer neuen Arbeit nachging, bemerkten wir dann recht bald, als wir auf den schlecht gelaunten Officer trafen, der die Pässe und Einreisedokumente kontrollierte. Durch Kyokos Einsatz wurden wir bei der Einreisekontrolle zwar bevorzugt behandelt, da sie uns aber leider fälschlicherweise durch den Ausgang für Diplomaten geschleust hatte, gab es dementsprechend eine gut hörbare Standpauke für die so schüchterne und zierliche Frau, die zunächst zwar sichtlich geschockt war, sich dann aber wieder gewissenhaft um uns kümmerte. Im Anschluss zeigte sie uns den kürzesten Weg zum Gepäckband, wo unsere Koffer bereits eingesammelt und aufgereiht auf uns warteten. Leider war aber auch genau das der Moment, wo sich Kyoko wieder verabschiedete und die First-Class-Behandlung aufhörte. Und da die Weiterreise nach Phoenix erst am Abend stattfand, musste auch noch irgendwie die Zeit totgeschlagen werden. Wie praktisch, dass man an diesem furchtbaren Flughafen die teilweise weiten Wege mit einem Shuttlebus über die Autobahn zurücklegen muss, um zum nächsten Terminal zu gelangen. Eine zusätzliche Erhöhung des Spaßfaktors garantierte die Warterei auf besagten Bus im Freien. Bei knapp 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten, dafür hatte man aber umso mehr von der phantastischen Vormittagssonne, die in Wirklichkeit eine blöde Kuh ist. Einem Anfall von spektakulärer innerer Ruhe verdanke ich es, dass ich heute auf freiem Fuß bin und diese Zeilen schreiben kann.

Dallas? Nein, nein.

Ich nehme es mal vorweg: Dallas braucht man nicht. Sicherlich könnte ich mir jetzt die Arbeit machen und versuchen, die Stadt krampfhaft von seiner schönen und sehenswerten Seite zu beschreiben. Aber zum einen handelte es sich lediglich um einen Zwischenaufenthalt von 6 Stunden und zum anderen wäre es wohl vergebliche Liebesmüh gewesen, denn wenn mir schon der einheimische Mitpassagier Mike eine Mall als „Attraktion“ auf die von ihm gezeichnete Karte kritzelt, was soll darauf noch folgen? Die einladenste öffentliche Toilette der Stadt? Die besten Restaurants, um noch vor Ort an einer Lebensmittelvergiftung zu sterben? Wenig attraktiv. Zumindest funktioniert die Zugverbindung zwischen dem Flughafen und Downtown Dallas gut und reibungslos: Einsteigen am Flughafen, aussteigen in der Stadt. Das Ausflugsziel: Dealey Plaza. Der Ort, an dem der 35. US-Präsident John F. Kennedy 1963 erschossen wurde und der seither als Symbol für eines der größten amerikanischen Traumata gilt. Das weiße X auf den Bildern markiert die Stelle, wo Kennedy von einer der Kugeln tödlich getroffen wurde. Da kann man noch so viele Dokumentationen auf N24 gesehen haben und trotzdem wird einem anders, wenn man es einmal aus der Nähe sieht.

Dealey Plaza
Dealey Plaza
Dealey Plaza
Dealey Plaza
Dealey Plaza
Dealey Plaza

Nach den anschließenden Besichtigungen des Kennedy Memorials und eines lokalen 7-Eleven wurde es höchste Zeit, um zum Flughafen zurück zu fahren. Nicht, dass die Zeit knapp war, aber leider war Dallas knapp an Sehenswürdigkeiten. Oder ich wollte sie aufgrund meiner stetig wachsenden Grumpiness nicht sehen. Ich freute mich sogar schon fast auf den ollen Flughafen und vor allem auf den kurzen Weiterflug nach Phoenix, um am Folgetag von dort aus mit dem Mietwagen nach Los Angeles weiterzufahren.

Phoenix und mein Freund der Busfahrer

Der abendliche Flug nach Phoenix verlief angenehm ruhig, was durchaus daran gelegen haben könnte, dass ich noch vor dem Start eingeschlafen bin. Da sich das Schlafen in einer aufrechten Position für jemanden wie mich etwas schwierig gestaltet, nimmt mein Körper scheinbar die wahnwitzigsten Positionen ein, denn als ich kurz vor der Landung wieder aufgewacht bin, kam ich als Krüppel zu mir. Desorientiert und mit Verspannungen, die mich an die Beantragung eines Behindertenausweises denken ließen, erlebte ich zumindest noch den Landeanflug und den schönen, nächtlichen Anblick von Phoenix.

Phoenix
Phoenix

Die späte Ankunft brachte einige Vorteile mit sich, denn zu diesem Zeitpunkt war am Flughafen bereits tote Hose ausgebrochen und so mussten nur noch schnell die Koffer eingesammelt werden und mit dem Shuttlebus ging es dann weiter zum Mietwagenzentrum. Ich muss ja sagen, auch wenn ich mir von einer Reise neue Eindrücke und Erfahrungen erhoffe, gibt es doch gewisse Konstanten, mit denen ich die ein oder andere gute Zeit verbinde. Dazu zählt auch ein Shuttlebus-Fahrer in Phoenix, der die Passagiere am Flughafen durch die Gegend fährt. Ein paar Jahre zuvor hatte ich schonmal das Vergnügen mit dem gleichen Typ, einem alten, schweren Cowboy samt langem, grauen Bart, Hut und Stiefeln, dessen spektakuläre Superkraft die geballte Unlust ist. Deutliches Sprechen, ein gepflegtes Äußeres und Freundlichkeit sind seine Erzfeinde und diese Dämonen versucht er mit aller Macht zu bekämpfen. Er erinnert mich ein wenig an mich. Und weil er noch einer dieser wenigen, unverwechselbaren Typen ist, mag ich ihn so sehr. Solche Menschen sind zwar „nur“ einer von vielen Gründen, warum ich das Reisen als etwas so Wichtiges empfinde, dennoch sind sie sowas wie Meilensteine, die einen Punkt an einem Weg markieren und durch die Erinnerung an sie bleibt immer eine Verbindung zu den jeweiligen Reisen, zu Augenblicken und Orten und mit der Zeit werden daraus wertvolle Erinnerungen.

Einige unverständliche Busfahrer-Durchsagen später, nach einer nächtlichen Bummeltour rund um den Flughafen, bekam ich im letzten Akt den von mir so ersehnten Schlüssel für den Mietwagen überreicht. Ich wollte unbedingt einen Ford Mustang fahren, hatte mich jedoch innerlich auch schon auf hässliche Alternativen und Krokodilstränen eingestellt. „Wenn die jetzt keinen Mustang mehr haben, fang ich noch hier auf dem Parkplatz an hysterisch zu heulen“ drohte ich still und heimlich der Mitarbeiterin der Mietwagenfirma, die anscheinend schon das Wasser in meinen Kulleraugen gesehen hat. „Sie haben die Wahl zwischen dem Camaro und dem letzten Mustang“ rief sie noch hinterher, als ich bereits die Motorhaube des Mustangs umarmte und ihm zuflüsterte „Du zitterst ja! Es ist doch alles gut.“ Endlich waren wir vereint!

Ford Mustang
Ford Mustang

Wieder etwas gelernt! Diesmal: Venice Beach

Eine kurze Nacht im Hotel und ein Frühstück später (bei meinem Lieblings-Bio-Supermarkt Whole Foods) war es an der Zeit für einen kleinen, sechsstündigen Roadtrip von Phoenix nach Los Angeles. Wer schonmal in den USA für längere Zeit mit dem Auto unterwegs war, wird mir vielleicht zustimmen, wenn ich sage, dass das die vielleicht beste Art und Weise ist, um die Weite des Landes realisieren zu können. Wer sich dann noch von dem Gedanken befreien kann, in einer bestimmten Zeit von A nach B zu kommen, dem eröffnet sich einerseits die Schönheit der eindrucksvollen Landschaft und vor allem stellt sich mit der Zeit eine gewisse innere Ruhe ein, wenn man realisiert, dass der Moment, den man gerade erlebt, Teil des Ziels ist und nicht etwas, was es hinter sich zu bringen gilt.

Obwohl ich schon ein paar Mal in L.A. gewesen bin, hatte ich es diesmal auf einen ganz bestimmten Teil der Stadt abgesehen: Venice Beach. Eine sehr beliebte Ecke von L.A., wo Künstler, Alternative, Aussteiger und gänzlich Bekloppte aufeinandertreffen, das Hier und Jetzt zelebrieren und den Geist mittels „Medizin“ erweitern. Ein Ort, der gerade abends zum Sonnenuntergang so bunt und vielfältig ist, wie die Menschen, die sich an dem Ocean Front Walk tummeln. Man ist umgeben vom Rauschen des Meeres, von Palmen und die Tage, an denen die Sonne mal nicht scheint, kann man wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Venice explodiert förmlich vor Leben und Kreativität, weil Künstler überall ihre teils sonderbaren, aber auch spektakulären Arbeiten ausstellen, man kann sich Performances von Musikern und Tänzern ansehen, oder man nimmt an der richtigen Stelle (vielleicht auch an der falschen; ist Ansichtssache) einen tiefen Atemzug und fängt an mit dem Gehweg zu diskutieren. Wenn es einen Platz auf der Welt gibt, wo das als normal durchgeht, dann hier. Aber gerade weil alles hier so unkonventionell, unkompliziert und ein Ausdruck von „Im-Flow-Sein“ ist, empfinde ich Venice Beach als das prototypische Kalifornien. Im Kontrast zu vielen anderen Orten auf der Welt ist man hier darauf bedacht, Unmittelbarkeit auszuleben. Alldem scheint eine Philosophie von Selbstverwirklichung und Koexistenz zugrunde zu liegen, was ich als sehr beruhigend empfinde. Etwas, was vielen von uns im alltäglichen Miteinander wahrscheinlich gut tun würde. Allein für diese Einsicht hat sich die Reise schon gelohnt. Und auch der Anblick während des Sonnenuntergangs kann sich durchaus sehen lassen:

Venice Beach
Venice Beach

Da meine Videos der iCloud zum Opfer gefallen sind, habe ich ganz einfach keine mehr. Aber dieses „Internet“ ist voll davon und ein Mann namens Michael Jiroch hat sich eines schönen Tages eine Kamera umgeschnallt und ist damit mal den Ocean Front Walk entlanggegangen. Das Video dazu verschafft euch einen Eindruck von der bunten Vielfalt, die es in Venice zu sehen gibt:

Die anschließenden Tage wurden damit verbracht, Verwandte zu besuchen, im berühmten Stau von L.A. rumzustehen, um sich durch das geöffnete Dach gewinnbringend einen Sonnenbrand auf dem Kopf abzuholen (immerhin in einem Mustang!) und zu guter Letzt durfte ein Abstecher zum Ende der Route 66 an den Santa Monica Pier natürlich nicht fehlen, um das Touristen-Premiumpaket vollends auszukosten.

Santa Monica Pier
Santa Monica Pier
Santa Monica Pier
Santa Monica Pier
Santa Monica Pier
Santa Monica Pier

Damit war L.A. dann auch abgefrühstückt, aber die nächste spannende Etappe stand ja schon bevor: Die Rückkehr nach Neuseeland, wo ich mich mit einem Teil von mir wiedervereint habe, den ich dort vor 6 Jahren zurückgelassen habe.

 

Du hast verpasst, was im letzten Post passiert ist? Dann klick doch mal auf den Link und sieh es dir an! Alle vorherigen Posts und Trips aus der Vergangenheit findest du ansonsten auch hier unter dem Menüpunkt „Trips“. Viel Spaß beim Lesen und kommentieren!

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