Wie oft im Leben kommt es wohl vor, dass man a) erwartungsvoll und voller Vorfreude einen Aufzug betritt und b) eben jener Aufzug einen direkt bis zur Flugzeugtür fährt, von wo aus man fast nur noch in seinen Sitz fallen muss? Leider ist die Wahrscheinlichkeit bei einem Großteil der Menschheit relativ gering. Umso glücklicher schätze ich mich jetzt in der Retrospektive, zumal besondere Erlebnisse oftmals auch ein wenig Zeit brauchen, damit man sie begreifen kann und zu schätzen weiß. Jedenfalls hatte ich das Glück und durfte mich im Anschluss an die Sause im First Class Terminal weiter dabei beobachten, wie ich sämtliche Normalität in den gedanklichen Folterkeller gesperrt habe, um sie dort erst fröhlich zu quälen und anschließend verhungern zu lassen. Zumindest für die nächsten 11 Stunden.

„Herzlich willkommen bei uns an Bord“

Schon allein die Begrüßung durch die Crew nach dem Verlassen des Aufzugs lässt mich „verstehen“, warum ein gewisser Personenkreis bereit ist, einer Airline eine nicht unerhebliche Summe Geld ins Gesicht zu werfen für ein First Class Ticket. Dank der überschaubaren Anzahl von 8 Sitzen wird jeder Passagier persönlich zu seinem Platz begleitet und noch vor dem Start werden erste Getränkewünsche erfüllt. Zwar war ein gewisser Herr, nennen wir ihn „Mr. Roomman“, schon etwas angedüdelt vom Frühsport der Reichen und Schönen, was ihn aber nicht daran hinderte, nochmal sein Champagnerglas auffüllen zu lassen, denn das hebt ja bekanntermaßen die sonst in einer dunklen Höhle lebende Laune. Auch der Rest der mitreisenden Bande schien ziemlich guter Dinge zu sein, denn eine Reihe hinter mir schien man sogar so oft in der First in Richtung Dallas zu fliegen, dass man sich scherzhaft fragte „Ach, du auch schon wieder hier?“, was mich beinahe vom Glauben abfallen ließ. Meine Glaubenskrise rührte aber nicht daher, dass die beiden Herren scheinbar öfter First fliegen, sondern vielmehr überraschte mich die so lockere und ungezwungene Atmosphäre, die in der Kabine herrschte. Man kam schnell miteinander ins Gespräch, wechselte wohlwollend untereinander die Sitze und prostete sich zu. Mike Moore, der in Dallas zu Hause ist und an dem Tag gen Heimat flog, kam sogar noch vor dem Flug zu mir, um mir mitzuteilen, dass ihm mein Tattoo gefällt. Die glasigen Augen ließen mich vermuten, dass er wahrscheinlich auch schon „Sport“ betrieben hatte, was ihn aber umso sympathischer machte. Später gab er mir noch Empfehlungen für Aktivitäten in Dallas, eine handgemalten Stadtkarte und dazu seine Telefonnummer. „Let me know if you need anything.“ Da war sie dahin, meine Illusion von dem abgehobenen Rudel protzender Arschgeigen.

Die Kabine in der First hat mit der sonstigen Economy-Normalität nichts mehr am Hut, dafür aber mit durchdachtem und ansprechendem Design. Der Sitz, welchen man sich mittels weniger Handgriffe zu einem vollwertigen Bett umbauen lassen kann, ist in einem dunklen Blau-Grau gehalten und hebt sich dadurch als zentrales Element von dem sonst beigen/cremefarbenen Design ab. Anstatt einem hat man vier Fenster und die zahlreichen Ablagen und Verstauungsmöglichkeiten bieten mehr als genug Platz, um etwaige Zeitschriften, Bierkästen oder Zweitwagen unterzubringen. Die Armlehnen beherbergen sowohl die Fernbedienung für das Inflight Entertainment als auch die Steuerung des Sitzes, der sich auf zig verschiedene Arten und Weisen verstellen lässt. Im Notfall kann man wahrscheinlich auch das Flugzeug damit steuern bei all den Bedienungsmöglichkeiten. Hinzu kommen der großzügige Bildschirm oberhalb des Fußhockers, die standardmäßigen Noise-Cancelling-Kopfhörer von Bose und ein an der Fensterseite verstaubarer Tisch, der den Namen Tisch wenigstens auch verdient hat. Ein leichter Duft der teilweise in Leder verkleideten Ausstattung lag in der Luft und erinnerte stets daran, dass man sich auf einem der begehrtesten Sitzplätze über den Wolken befand. Hätte ich doch nur unendlich Euro und 50 Cent auf meinem Konto, um ständig so durch die Gegend fliegen zu können.

Lufthansa First Class - Champagner, Macadamianüsse und Amenity-Kit
Lufthansa First Class – Champagner, Macadamianüsse und Amenity-Kit
Lufthansa First Class - Champagner und Macadamianüsse
Lufthansa First Class – Champagner und Macadamianüsse
Lufthansa First Class - Kabine
Lufthansa First Class – Kabine
Lufthansa First Class - Kabine
Lufthansa First Class – Kabine
Lufthansa First Class - Sitzsteuerung
Lufthansa First Class – Sitzsteuerung

Bis zum Abflug war noch einiges an Programm geboten, da sich der Kabinenchef und die weiteren Crewmitglieder ebenfalls persönlich vorstellen wollten, sich hier und da ein Gespräch mit der Crew entwickelte und zum krönenden Abschluss wurden die gern gesehenen Amenity-Kits verteilt, welche aus einem kleinen Designer-Kulturbeutel bestehen, der mit allerhand mehr oder minder brauchbaren Utensilien und teuren Cremes bestückt ist. Zusätzlich zu dem Amenity-Kit wurde ein Designer-Pyjama (Farbton: Sack du pomme de terre) gereicht und um das Bild gänzlich abzurunden, konnte man zusätzlich in weiße Designer-Stoffschlappen schlüpfen. Ich hörte Mr. Roomman noch sagen „Diese ollen Klamotten ziehe ich garantiert nicht an!“, aber der Wodka zum Kaviar schien ihn mit schlagkräftigen Argumenten vom Gegenteil überzeugt zu haben, denn kurz nach dem Start verschwand er auf die Toilette (in der First Class sogar mit einem Fenster und ebenfalls einer roten Rose) und kam, wiedergeboren als Kartoffelsack, zu seinem Sitz zurück. König Lächerlich hatte endlich seinen Thron eingenommen.

Essen super, Bett super. Oder kurz: Super super, mjam mjam mjam.

Irgendwer hat doch eben etwas von Kaviar geschrieben, oder? Ja genau, ich wars, denn den gab es vorab als Appetizer vor den diversen Menü-Gängen. „Möchten Sie dazu ein Glas Wodka“ fragte mich der scheinbar amüsierte Steward, der sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Was daraufhin als ein „Nein danke“ in meinem Kopf anfing, endete als „Ja gerne“ in meinem Mund und so war es nicht allzu verwunderlich, dass im Anschluss ein stetiges Lächeln meinem Gesicht entsprang, was in meinem sonstigen Alltag und Umfeld eher zu großer Sorge um meine Gesundheit und/oder Geisteszustand führt. Die folgenden Gänge wurden eingeleitet von fiesen Keimlingen (der Volksmund schimpft es „Gemüse“ bzw. „Salat“), doch das anschließend gereichte Roastbeef, die Garnelen und das Filetsteak vom Rind vermochten meine anfänglich blinde Wut zu besänftigen. Ebenfalls mit von der Partie war der Saft von der roten, französischen Traube, der eine schlaffördernde Wirkung entfaltete und so ließ ich mir nach dem Nachtisch meinen Sitz zum Bett umbauen. Kurze Zeit später und mit einer dünnen Matratze in der Hand, verwandelte die Stewardess den Sitz mit wenigen Handgriffen zu einem ordentlichen Bett und stellte mir in weiser Voraussicht eine Flasche Wasser in die dafür vorgesehene Ablage. Um für etwas mehr Ruhe zu sorgen, ließ ich mit der Fernbedienung den Sichtschutz aus der Armlehne herausfahren, der den Sitzplatz zu einer nahezu abgeschotteten Kabine werden ließ. Eigentlich will man ja so viel wie möglich von so einer Reise mitbekommen und Schlaf ist dann mitunter kontraproduktiv, aber es ging nicht anders. Der Geist war zu benebelt und dementsprechend schwach. Aber wer hätte schon gedacht, dass ich eines Tages liegend den Atlantik überqueren würde? Aus der Perspektive konnte ich ein paar Stunden Schlaf durchaus vor mir rechtfertigen.

Lufthansa First Class - Kaviar
Lufthansa First Class – Kaviar
Lufthansa First Class - Roastbeef
Lufthansa First Class – Roastbeef
Lufthansa First Class - Garnelen
Lufthansa First Class – Garnelen
Lufthansa First Class - Rinderfiletsteak in Pekannusskruste
Lufthansa First Class – Rinderfiletsteak
Lufthansa First Class - Sitz
Lufthansa First Class – Sitz
Lufthansa First Class - Bett
Lufthansa First Class – Bett
Lufthansa First Class - Fliegen im Liegen
Lufthansa First Class – Fliegen im Liegen

Kurze Trauer, um sich dann noch mehr freuen zu können

Irgendwann hinter New York bin ich wieder aufgewacht, nutzte das nicht allzu günstige WLAN und schaute mich in der Kabine um. Die Profis schliefen alle tief und fest, obwohl sie sich teilweise nicht mal das Bett hatten herrichten lassen. Völlig hunger- und appetitlos bestellte ich einen Burger von der Karte, weil es ihn halt auf der Karte gab, beschränkte mich aber bei den Getränken, aufgrund der mittlerweile phantastischen Kopfschmerzen, auf Wasser. In der Economy trinke ich sonst nie und kaum darf man ganz weit vorne Platz nehmen, eskaliert die Geschichte umgehend! Vielleicht hat es ja doch seinen Sinn, dass ich ein Normalsterblicher bin, bei dem solche Eskapaden eher die Ausnahme sind. Unter anderem fällt wahrscheinlich eine Lebenserwartung jenseits der 50 Jahre darunter. Mit Hilfe des Burgers und ein paar Tassen Espresso erwachten allmählich die misshandelten Lebensgeister, aber die letzten Stunden bis zur Landung in Dallas verbrachte ich mehr liegend als sitzend. Ich tauschte meinen liebgewonnenen Pyjama aus Kartoffelsackfaser mit meiner herkömmlichen Kleidung, erfrischte mich im Bad („Toilette“ klingt so, als würde ich mich in der Kloschüssel waschen) und frage mich bis heute noch, wozu die Spraydose mit Evian Wasser im Bad dient. Riecht man dann „wässerlich“? Oder soll man das Deo trinken? Antworten gerne über alle erdenklichen Kanäle an mich.

Nach nun fast 11 wunderbaren Stunden in der Luft befanden wir uns im Landeanflug auf Dallas und dabei dachte ich mir, dass ich mich schon sehr anstrengen müsste, um mich daran erinnern zu können, wann ich das letzte Mal schweren Herzens aus einem Flugzeug gestiegen bin. Eigentlich bin ich ja ein Fan davon, möglichst schnell von A nach B zu gelangen, aber diesmal musste ich zu einem gewissen Grad Trauerarbeit leisten. Zu eindrucksvoll war diese Art des Reisens und fast schon zu sehr wurde ich verwöhnt. Aber als mir wieder bewusst wurde, dass vor mir noch 4 Reisewochen in Neuseeland und in den USA liegen, hielt sich die Trauer in Grenzen. Und zu guter Letzt sollte es ja auch wieder in der First Class von Dallas zurück nach Deutschland gehen. Schöne Aussichten!

Nächstes Mal geht es weiter von Dallas über Phoenix nach Los Angeles. Und: Warum Venice Beach für mich die Essenz des kalifornischen Lebensgefühls ist. Bis dahin kannst du gerne den Anfang der Reise hier nachlesen und den letzten Post findest du unter diesem Link. Viel Spaß dabei!

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2 Gedanken zu “Lufthansa First Class von Frankfurt nach Dallas

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