Träumen, Meilen sammeln, Traum erfüllen

Der Traum eines jeden Meilensammlers ist es, eines Tages mit den gesammelten Meilen etwas „Vernünftiges“ anzustellen. „Vernünftig“ im Sinne von komplett realitätsfern und abgehoben selbstverständlich. Da ich in der Economy Class mittlerweile aus Platzmangel lieber stehend oder herumlaufend meine Zeit verbringe und schon früher in der Business Class Platz nehmen durfte, gab es demzufolge nur noch ein logisches Ziel: Die First Class. Der heilige Gral eines jeden Meilensammlers. In diesem Fall die First Class der Lufthansa, der man nachsagt, eines der besten Produkte in diesem Segment zu sein.

Nur wie geht man solch ein Vorhaben überhaupt grundsätzlich an? Eigentlich ist es ganz leicht: Man meldet sich bei einem Vielfliegerprogramm seiner Wahl an, in meinem Fall Miles & More, unterwirft sich diesem mit aller Macht und krempelt dementsprechend sein komplettes Leben um. Und je nachdem wie konsequent und strategisch man sein Leben nach den Meilen ausrichtet, desto langsamer oder schneller findet man sich ganz weit vorne im Flugzeug bei Kaviar und Champagner wieder. Total easy! Naja, in meinem Fall hat es fünf Jahre (lang) gedauert. Und nur ein Bruchteil der benötigten 170.000 Meilen habe ich tatsächlich durch das Fliegen gesammelt. Fast jeder in der Familie freut sich noch immer über ein (unsinniges) Girokonto oder über ungelesene Zeitungen aus ebenso sinnlosen Abos, die nur deshalb abgeschlossen wurden, weil es dafür mal mehr, mal weniger Meilen gab. Eingekauft wurde auch nur noch da, wo es möglichst viele Paybackpunkte gab und bezahlt wurde die Chose ausschließlich mit der Kreditkarte, für deren Umsätze es ebenfalls wieder Meilen gab. Teufelskreis gefällig? An dieser Stelle meine herzlichste Einladung, um mit dem Meilensammeln anzufangen.

Planung minus Vernunft ergibt doppelten Sinn!

Nach Jahren der Sammlerei war es dann vor ein paar Monaten endlich so weit: Raus mit den Meilen und rein in die First! Wer jetzt aber denkt, dass man als angehender First-Class-Passagier die freie Wahl und Verfügbarkeit bei den Flügen hat, und dass die Airlines nur so darauf warten, mit dem hässlichen Dasein eines Meilensammlers belästigt zu werden, dem sei gesagt, dass es bei der Suche nach dem entsprechenden Sitzplatz erst so richtig spannend und sogar schwierig werden kann. Vor allem dann, wenn die Tickets mit einer Vorlaufzeit von nur zwei Monaten und für die beste Sommerferienzeit gebucht werden.

Eines war zumindest von Anfang an klar: Startpunkt des Unternehmens musste Frankfurt sein, denn dort steht das einzigartige First Class Terminal der Lufthansa, zu dem man mit einem First-Class-Ticket Zugang hat. Richtig gelesen: Ein eigenes Terminal für den doch recht überschaubaren, aber dennoch supicoolen Passagierkreis. Dass einem nicht ein eigener Flughafen zur Verfügung gestellt wird, ist ja fast schon wieder frech…da muss ich wohl nachträglich mittels Beschwerdebrieftaube aktiv werden! Wo war ich? Ach ja: Mein eigenes Terminal (oder so). Es führte jedenfalls kein Weg an Frankfurt vorbei und der Flug sollte möglichst an die Westküste der USA nach San Francisco oder Los Angeles gehen/fliegen/werdasliestistveganer. Um es kurz zu machen: Keine Chance. Sonderlich gewundert hat es mich aber nicht, denn genau diese Strecken sind ziemlich populär und meist schon weit im Voraus ausgebucht. Was man auch bedenken muss: In der First gibt es nur acht Plätze. Und obwohl ein entsprechendes Ticket (Achtung: Es folgt die geballte Eloquenz) scheißteuer ist, gibt es anscheinend tatsächlich noch Unternehmen, die ihr Personal darin durch die Gegend schicken. Also fallen damit schonmal ein paar der begehrten Plätze weg. Darüber hinaus gibt es unglaublicherweise noch Menschen, die die gut 10.500 € für den Hin- und Rückflug (nach Dallas; Erklärung folgt) ganz locker mit dem Geld bezahlen, was sie eigentlich zum Anzünden des heimischen Platinkamins verfeuern lassen wollten. Wieder ein paar Plätze weniger. Und um den Rest darf dann der bucklige Meilensammler kämpfen.

Ein Blick auf die Ziele in der „näheren Umgebung“ sollte helfen, da es immerhin noch weitere Destinationen gibt, die ebenfalls von der Lufthansa angeflogen werden. Das „Problem“ mit den Alternativen: Von einem First-Class-Flug will man natürlich auch etwas haben. Also kein Geld oder Absolution, aber eine Flugzeit von zehn Stunden plus X wäre schon nett, um das Erlebnis vollends auskosten zu können. Dazu zählt unter anderem, dass man alle Menüs und Getränke aus der Speise-/Wein-/Schnapskarte isst und trinkt (ungeschriebenes Gesetz; von mir für mich), um danach schlafend im Bett über den Wolken entgiften zu können. Durch das Kriterium „Flugzeit“ waren deshalb nur noch Houston, Denver und Dallas relevant. Houston war leider ebenfalls voll, Denver hatte eine usselige Abflugzeit in Frankfurt und somit ging Dallas als Gewinner hervor. Alles halb so wild, denn die Stadt hatte ich noch nicht gesehen und mit knapp elf Stunden in der Luft war auch die Flugzeit absolut akzeptabel. Wie man sieht, wird jegliche Vernunft bereits bei der Planung mit vollen Händen über Bord geworfen. Da wo ein Flug normalerweise so schnell wie möglich von A nach B gehen soll, lautet jetzt das oberste Gebot: Je länger, desto besser. „Können wir nicht auf dem Weg in die USA einen kleinen Bogen über die Antarktis fliegen? Das wäre doch für alle praktischer…“

Ein Hoch auf die Servicewüste

Ihr zwei bis drei gequälten Leser wisst vielleicht, dass ich es hasse, zu telefonieren.  Wer mich anruft, könnte meinen, ich hätte das Funkloch erfunden und wäre dort zusätzlich im Zeugenschutzprogramm untergetaucht. Leider gibt es dennoch Fälle, in denen man den Hörer in die Hand nehmen muss. Obwohl man eigentlich ein Meilenticket online buchen kann, muss die Miles&More-Hotline bemüht werden, wenn man zusätzlich noch geeignete Inlandsverbindungen sucht. Hasserfüllt, aber aufgrund des erfreulichen Anlasses auch ein wenig optimistisch, wählte ich die entsprechende Nummer der Hotline, es klingelte kurz und mit unmotivierter Stimme antwortete Frau Bleu de Kuh (hab ich zumindest so rausgehört) und ich wusste direkt, dass Madame nicht besonders hilfreich sein wird. Launisch und mit wahrscheinlich prä-feierabendlicher Motivation konnte immerhin die Route Frankfurt-Dallas-Frankfurt gebucht werden. Da man zusätzlich kostenlose Zubringerflüge in der Business Class (innerhalb Deutschlands gibt es ja keine First) von Düsseldorf nach Frankfurt und zurück hinzubuchen kann, fragte ich frecherweise auch noch danach. Seufzend und mit deutlich steigender Unlust nannte mir die „Service“-Mitarbeiterin die verfügbaren Optionen, aus denen ich auswählen konnte. Letzten Endes sprang dabei heraus, dass die Anreise nach Frankfurt schon einen Tag vor dem Abflug nach Dallas stattfinden würde, um am Morgen des Abflugtages ausreichend Zeit im First Class Terminal verbringen zu können.

Ich hatte noch überlegt, ob ich aus reiner Provokationslust nach den Inlandsflügen innerhalb der USA fragen soll, aber weil ich dann noch mehr Zeit am Telefon mit dem Grauen am anderen Ende der Leitung verbracht hätte, beließ ich es dabei. Denn zehn Sekunden später, nach einem gelogenen „Vielen Dank“ und dem Ende des Gesprächs, habe ich direkt nochmal angerufen, um dafür mit einem Feuerwerk von einer Hotline-Telefonista sprechen zu können. Leider gab es keinerlei freie Sitzplätze mehr auf den inneramerikanischen Strecken, obwohl sie mit mir zwanzig Minuten lang jegliche von mir vorgeschlagene Route durchsucht hatte. Nicht schlimm, denn das wichtigste Ziel war bereits erreicht: Sitz 1A auf Flug LH438. Das Problem der fehlenden Inlandsflüge ließ sich dann mittels weiterer Meilen, diesmal aber von British Airways und Air Berlin, lösen. Für ein paar Meilen und acht Euro Zuzahlung konnte die Reise nach der Ankunft in Dallas in Richtung Phoenix fortgesetzt werden, um dort einen Mietwagen in Empfang zu nehmen.

Der vierwöchigen Reise in die USA und nach Neuseeland stand jetzt nichts mehr im Weg. Und mit einem Hin- und Rückflugticket in der Hand, auf dem „First Class“ steht, konnten die Aussichten kaum besser sein. Es ging endlich wieder auf Reisen!

Lufthansa First Class Ticket
Lufthansa First Class Ticket

Im nächsten Post: Wettessen auf dem Flug von Düsseldorf nach Frankfurt, wie aus der Servicewüste ein Serviceparadies wurde und alles rund um das einzigartige Spektakel Lufthansa First Class samt einiger Erkenntnisse, die ich so nicht erwartet hätte. Meine Forschungsfrage: Sind alle First-Class-Passagiere Arschgeigen oder nicht? Die überraschende Antwort folgt bald!

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3 Gedanken zu “Lufthansa First Class

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