Langsam aber sicher näherte sich der verlängerte Wochenendausflug leider seinem Ende. Immerhin ging es nochmal für eineinhalb Tage zurück nach London. Und ein paar Stunden in Newcastle durfte ich ja auch noch verbringen. Inklusive einer kleinen Überraschung.

Der Tag nach dem Spiel fing mit einem ausgedehnten Besuch beim Frühstücksbuffet des Hotels an. Obwohl das Hotel in der Nacht scheinbar vollkommen von Schotten überrannt und eingenommen wurde, ging es beim Frühstück friedlich und gesittet zu. Sicherlich ist ein traditionelles, englisches Frühstück nicht das Gesündeste, was einem im Leben widerfahren kann, aber wenn jemand etwas gegen so ein Frühstück hat, dann hat derjenige vermutlich auch etwas gegen das Leben generell.

Englisches Frühstück
Beispiel eines englischen Frühstücks. Wenn man die Pilze und die Tomaten wegnimmt, dafür Kartoffeln und Ketchup hinzufügt und das mit 2 multipliziert, landet man bei meinem goldenen Start in den Tag. #healthy

Da niemand behauptet hat, dass es sich hierbei um einen Wellness-Ausflug inklusive einem Besuch in der Therme handelt, tauschte ich fröhlich meine Gesundheit gegen mehrere Portionen Speck, Rührei, Bratkartoffeln und Bratwurst ein. Mit Ketchup. Wobei ich mich dunkel daran erinnern kann, dass ich ein paar Gläser Orangensaft getrunken habe, was die Sache im Nachhinein doch wieder recht vernünftig beziehungsweise gesund wirken lässt. Und irgendwo im Ketchup sind schließlich auch Atome von Tomaten vorhanden. Pfui Gesundheit!

Nach der Aufnahme von ein paar sehr vielen Kalorien erschien mir ein wenig Bewegung ratsam. Also habe ich kurz den Koffer gepackt, um ihn dann der Frau an der Rezeption, mit dem nahezu unverständlichen Dialekt, zwecks Verwahrung in die Hand zu drücken. Anschließend ging es raus an die frische Luft. Wie praktisch, dass meine Eltern mir vor der Abreise die Aufgabe mitgegeben haben, Fan-Artikel der tongaischen Mannschaft zu suchen und mitzubringen. So rollte ich mich nach dem Frühstück aus dem Hotel auf die Straße, vergaß dabei die herumschreienden, freiwilligen Helfer vom Vortag und entging nur knapp meinem ersten Herzinfarkt.

Das Schöne an Newcastle ist, dass das Meiste in Gehreichweite liegt. Der Weg vom Hotel bis ins Stadtzentrum, wo auch die meisten Geschäfte, Cafés und der Marktplatz sind, dauert maximal zehn Minuten. Von Vorteil ist auch, dass der Weg nur geradeaus führt, was mir einiges an Denkarbeit an diesem Morgen erspart hat.

Fußweg im Zentrum von Newcastle
Fußweg im Zentrum von Newcastle

Nachdem ich erfolglos einige Sportgeschäfte abgeklappert hatte, stand ich mal wieder, diesmal aber umzingelt von hunderten Schottenröcken, mitten auf dem Markt und vor Grey’s Monument. Eine schottische Kapelle samt Dudelsäcken hatte sich gerade versammelt, um mit gefühlt halb Schottland und Gedudel (im wahrsten Sinne des Wortes) in Richtung Stadion zu ziehen, denn heute spielten die Schotten gegen Samoa. Ein durchaus eindrucksvoller Anblick, wenn sich so eine Masse in Bewegung setzt und dabei laut die schottische Hymne gesungen und Dudelsack gespielt wird.

Jetzt, wo die Schotten auf dem Weg zum Stadion waren, hatte man auch wieder ein bisschen mehr Platz auf dem Markt, um sich umzuschauen. Glücklicherweise fand ich auch relativ schnell einen Stand, der allerhand Rugby-WM-Merchandise im Angebot hatte und so konnte ich zumindest ein paar der Mitbringsel schonmal besorgen. „Leider“ bin ich auch wieder an dem verhängnisvollen Stand vorbeigekommen, wo ich am Vortag den Angus Beef Burger gegessen habe. Und weil gutes Essen („gut“ hier ausnahmsweise im Sinne von „nicht allzu gesund“) gleichbedeutend mit gesteigerter Lebensqualität ist, und ich nicht wusste, wann sich mir nochmal die Gelegenheit bietet, schlug ich beschämt, aber dennoch glücklich, ein zweites Mal zu:

Ein schwacher Geist und sein Scottish Aged Angus Beef Burger.
Ein schwacher Geist und sein Scottish Aged Angus Beef Burger. Nicht im Bild: Mein Lächeln.

Die Zeit war gekommen, um wieder ins Hotel zurückzukehren, denn am Nachmittag stand der Rückflug von Newcastle nach London an. Innerlich verabschiedete ich mich auf dem Rückweg von dieser schönen, alten Stadt und dem Essen, freute mich zugleich aber sehr über die gemachten Erfahrungen und die Erinnerungen, die mir bleiben. Schnell holte ich den Koffer aus dem Hotel und setzte mich in die Bahn mit dem Ziel Flughafen. Ziemlich gemächlich ging es wieder durch die Vororte von Newcastle, gefolgt von Feldern und Wiesen, bis dann plötzlich aus dem Nichts heraus der (Provinz)-Flughafen auftaucht.

Dank des Vielfliegerstatus (für mich als durchaus sehr ungeduldiger Mensch Gold wert!) durfte ich die Warteschlange am Schalter umgehen und so konnte ich die Gepäckabgabe erfreulich schnell und unkompliziert hinter mir lassen und zur Sicherheitskontrolle weitergehen. Hier war nicht allzu viel los und ich hätte mir irgendeine der Kontrollstationen aussuchen können, wäre da nicht eine Mitarbeiterin auf mich zugekommen, um mir zu erklären, dass ich doch bitte zu den Mitarbeitern ganz nach außen gehen möge. Na toll, nur weil ich groß und tätowiert bin, einen Ansatz von Bart und dunkle Haare habe, werde ich wieder von Scotland Yard interviewt. Wie vor ein paar Jahren nach einem Rückflug aus den USA mit Zwischenlandung in London. Also folgte ich der jungen, hässlichen Dame wortlos zu der abgelegensten Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen/Planeten, um dort erstmal zu warten, weil man auf den Top-Terroristen scheinbar nicht vorbereitet war. Dabei sprach sie immer wieder in ihr Walkie-Talkie, was mein Gefühl des Unwohlseins nur verstärkte. Immerhin wurden in kürzester Zeit drei weitere Mitarbeiter herbeigerufen, die die Station besetzten, um mich zunächst allein zu kontrollieren. Als man schließlich mit mir und der Kontrolle fertig war, machte ich mich auf das Klicken der Handschellen und ein Verhör gefasst, aber nichts von alledem sollte passieren. Vielmehr erkannte ich langsam den vermeintlichen Grund dafür, warum ich in die Sache hier reingeraten bin. Ein paar Meter weiter hinter mir sah ich ein paar Gesichter, die mir irgendwoher bekannt vorkamen. „Irgendwo hast du die Jungs schonmal gesehen“ dachte ich mir. Als meine lange Leitung endlich wieder funktionierte, traf es mich wie der Blitz:“Gestern im Stadion! Auf dem Platz! Das sind All Blacks!!“ Was ist das bitte für ein cooler Zufall? Hatte sich Madame etwa vertan und mich versehentlich mit meinen jetzt neuen Teamkameraden abgefertigt? Und zerstöre ich jetzt nicht den Mythos, wenn ich meine eigenen Kollegen nach einem Photo frage? Ach, scheißegal!

All Blacks! (Jaja, und ich).
All Blacks! (Jaja, und ich).

Ganz unaufgeregt passierte einer nach dem anderen die Kontrolle, dann sammelte man sich hinterher und ich stand wie allerfeinstes Falschgeld zwischen den Kollegen herum. Selten fühlte ich mich deplatzierter und wohler zugleich. Man nickte mir zu und grüßte mich sogar, so dass ich komplett zu einem sechsjährigen Fanboy degenerierte. Freundlich fragte ich erst einen aus der Gruppe (Charlie Faumuina; auf dem Bild links; ebenfalls Tongaer), ob es ok wäre, wenn wir beide ein Photo zusammen machen könnten. „Klar, kein Problem“ antwortete er und rief sogar noch zwei weitere seiner/unserer Mannschaftskameraden hinzu, um mit auf das Photo zu kommen. Leider ist das erste Bild nichts geworden, so dass ich nochmal alle um ein weiteres Photo bitten musste. „Unangenehm“ beschreibt in diesem Moment nicht mal ansatzweise meine Gefühlslage. Aber auch ein zweites Photo war absolut kein Thema und alle waren äußerst geduldig. Ein paar schauten sich sogar recht neugierig meine Tätowierung an. Mit einem kurzen, immer noch aufgeregten „Cheers boys“ verabschiedete ich mich und freute mich dabei wie ein kleines Kind. Ein phantastischer Abschluss dieses Teils der Reise!

Um mich wieder zu beruhigen, suchte ich den schnellsten Weg zur Lounge von British Airways. Und siehe da: Der Medizinschrank hatte auch hier alles an Bord, was zur Beruhigung beiträgt:

British Airways Lounge - Medizinische Abteilung
British Airways Lounge – Medizinische Abteilung

Ein paar Tropfen Gin Tonic später ging dann auch der Flug in Richtung London. Auf London freute ich mich auch schon sehr, vor allem weil ich wieder in einem meiner Lieblingshotels übernachten konnte, dem Andaz London Liverpool Street. Later, London!

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