09. Oktober 2015. Newcastle, England. Matchday!

Endlich war es soweit: Heute sollte sich ein lang gehegter Traum erfüllen! Mit jeder vergehenden Minute wuchs die Vorfreude auf das am Abend anstehende Spiel der All Blacks gegen Tonga. Eigentlich hätte ich ja nur rumsitzen und genießen müssen. Aber ich gebe zu: Ich war nervös.

Nichtsdestotrotz (Nein, es handelt sich hierbei nicht um eine Stadt in Russland) befand ich mich noch relativ müde im Hotel in Newcastle. Post-powernap wenn man so will. Wobei ich nicht wirklich schlafen konnte, denn ein paar Stockwerke weiter unten hielten es ein paar freiwillige Helfer im Rahmen der Fanbetreuung für eine gute Idee, die Menschen in der Fußgängerzone auf eine Distanz von wenigen Metern mit einem Megaphon anzuschreien. So jemanden könnte ich gut für die regulären Tage im Jahr gebrauchen, um mich morgens aus dem Bett zu brüllen. Spätestens dann, wenn ich aus dem Bett gestiegen bin, um wild um mich zu schlagen, wäre ich wach. Welch guter Start in den Tag! Ich schweife ab.

Obwohl die Hälfte von mir tongaischer Herkunft ist, lag ich im schwarzen Trikot der New Zealand All Blacks in der Gegend rum (wenn meine Mutter das liest, bekomme ich selbst mit dreißig Jahren noch per Telefonanruf Fernsehverbot). Wie es dazu kam? Lustigerweise war der Tongaer Jonah Lomu einer der bekanntesten und besten Spieler der All Blacks und schon früh erzählten diverse Verwandte, vor allem in Neuseeland und Tonga, vom legendären Jonah. Soweit ich mich erinnern kann, war auch das erste Trikot, das ich jemals besaß, das Trikot der All Blacks. Und spätestens beim ersten Anschauen des traditionellen Kriegstanzes, dem Haka, der vor jedem Spiel aufgeführt wird, war ich ein Teil des schwarzen Mythos. Leider nicht auf dem Feld, aber zumindest vom Gefühl her. Einen solchen Ausdruck von Bestimmung, Entschlossenheit, Tradition und Stolz hatte ich vorher noch nie erlebt. Vielleicht habe ich es aber immer irgendwo gesucht. Und sagen wir mal so: Wenn man sich etwas für seine eigene Identität oder einfach nur für das zwischenmenschliche Miteinander abgucken will, gibt es sicherlich schlechtere Vorbilder als die stets demütigen und bescheidenen Spieler der All Blacks.

Aus dem Fenster konnte ich eine dezente, 99%ige Überzahl von schwarzen Trikots auf den Straßen erkennen, aber vereinzelt waren auch Fans mit den roten Trikots der Tongaer zu sehen. Spätestens jetzt, fünf Stunden vor Anpfiff, war es an der Zeit, sich ebenfalls auf die Straße zu begeben, um ein Teil  dieses Erlebnisses zu werden. Also führte der Weg raus aus dem Hotel, wo ich von den freiwilligen Helfern um die Ecke angeschrien und im Anschluss immerhin mit Fahnen beschenkt wurde, um mich nach einem kurzen Fußweg anschließend im Stadtzentrum auf dem großen Markt zwischen tausenden von Rugby-Fans wiederzufinden. Eines fiel mir dabei direkt auf: „Hier ist ja alles ganz friedlich! Wie kann das denn sein?“ schoss mir spontan durch den Kopf. Niemand, der betrunken und mit offener Deckung einen Kampf anzettelte, keine Rivalitäten zwischen den Anhängern beider Mannschaften und auch keine Polizeieinsätze. Ein erstes, leichtes Entsetzen wich dann aber doch schnell und wandelte sich in wachsende Begeisterung, denn stattdessen entpuppte sich die ganze Veranstaltung als ein großes Fan-Fest mit zahlreichen Aktivitäten rund um Rugby, Kultur (unter anderem wurde ein Maori-Tanz aufgeführt) und großartiges Essen gab es auch noch! Hier ein bisschen Fingerfood als Beweis:

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Fingerfood = Essen, das zwischen die Finger passt (eigene Definition) – Scottish Aged Angus Beef Burger. Mit ins Bild geschmuggelt haben sich Cheddar, geschmorte Zwiebeln und mein Freund Bacon.

Bei sonnigem Wetter und sieben bis acht Grad waren viele Menschen, zu meinem Erstaunen, nur in T-Shirts oder Trikots unterwegs. Eigentlich wollte ich mich auch voller Stolz nur mit meinem Trikot (Hose, Schuhe etc. waren auch dabei, keine Sorge) zeigen, aber die tongaische DNA warnt mich bei Temperaturen unter zwanzig Grad Celsius ganz schnell mit den Worten „Achtung, du Klappstuhl: Es ist kalt.“ Deshalb habe ich zumindest noch bis zum Stadion mit der Jacke vorliebgenommen.

Nach ungefähr zwanzig bis dreißig Minuten Fußweg und einem kleinen Abstecher bei der eigens eingerichteten Fan-Zone, war der altehrwürdige St. James‘ Park erreicht. Normalerweise ein Tempel des Fußballs, wo die Kollegen von Newcastle United zu Hause sind, aber an diesem Tag war eine Messe in schwarz zu erwarten.

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St. James‘ Park
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St. James‘ Park

Mittlerweile war es 19 Uhr und mit meinem besten deutschen Verlangen nach Pünktlichkeit stand ich vor dem Stadioneingang. Leider interessierte es hier aber niemanden, dass der aufgeregte Bengel aus Deutschland jede Sekunde des Spektakels auskosten wollte. Zehn Minuten, unzählige Flüche und eine Bluthochdruckkrise später wurden die Tore zum Stadion endlich geöffnet und ich konnte meinen Sitzplatz begutachten, den ich bei der Ticketverlosung im Tausch gegen diverse Koffer voll Geld „gewonnen“ habe. Letztendlich kann ich aber sagen: Es hat sich mehr als gelohnt!

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St. James‘ Park – Aussicht kurz vor Spielbeginn

Nachdem sich die erste Aufregung ein wenig gelegt hatte, betraten die ersten Spieler der All Blacks den Rasen, um sich einen ersten Eindruck vom Stadion und dem Rasen zu verschaffen. Dies war der perfekte Zeitpunkt, um meine Jacke loszuwerden und um in den nächsten Stunden den Kältetod zu sterben. Wenn das mal keine Hingabe ist! Zu meiner großen Verwunderung waren auch Spieler der tongaischen Mannschaft draußen, denn Tongaer sind nicht für ihre Pünktlichkeit bekannt. Eher das Gegenteil ist der Fall, wie ich auch schon bei meinen Reisen nach Tonga feststellen durfte. Eigentlich hab ich erwartet, dass sich das Team Tonga dermaßen verspätet, dass das Spiel erst 2016 ausgetragen wird. Glück gehabt!

Beim darauf folgenden Aufwärmen beider Mannschaften füllte sich das Stadion zunehmend mit Zuschauern und allmählich entwickelte sich eine gespannte Stimmung gepaart mit großer Vorfreude. Und schon bald darauf war der Moment gekommen, auf den ich gespannt gewartet habe: Erst die Nationalhymnen und dann das Aufeinandertreffen der beiden Kriegstänze: Der Haka der Neuseeländer gegen den Sipi Tau der Tongaer. Zwei Teile Heimat und DNA. Wie sagte einer meiner einheimischen Sitznachbarn danach zu mir:“That’s one thing you can tick off your bucket list!“ Viel treffender hätte er es nicht formulieren können.

Das Spiel entwickelte sich schnell zu einer klaren Angelegenheit und die All Blacks gingen schon bald in Führung, die sie bis zum Spielende nicht mehr abgeben sollten. Immer wieder wurden die Tongaer lautstark von den Zuschauern angefeuert, da der Underdog in England große Anerkennung genießt. Ich verfolgte jede Minute mit großer Freude und dem Bewusstsein, dass sich für mich gerade ein Traum erfüllt. Was das Spiel zusätzlich so unvergesslich gemacht hat: Meine beiden Sitznachbarn zu meiner Linken. Zwei befreundete Herren aus Newcastle, Neil und Sir Rugbylord (die Namen sind eventuell frei erfunden), beide sicherlich jenseits der fünfzig und unheimlich herzliche Zeitgenossen. Mit dem Kollegen direkt neben mir, Sir Rugbylord hatte ich noch keine zwei Worte während des Spiels gewechselt, was ihn aber nicht davon abhielt, bei Fehlern der All Blacks meinen Kopf oder wahlweise auch meinen Bauch zu tätscheln oder mich in den Arm zu nehmen. Und sein Bekannter, Neil, hat, obwohl ich mehrmals darauf hingewiesen habe, dass ich aus Deutschland angereist bin, bis heute nicht verstanden, dass ich nicht aus Neuseeland komme. Daher durfte ich innerhalb der achtzig Minuten zu diversen Fragen rund um Neuseeland Rede und Antwort stehen, jedoch ohne aktuelles und fundierstes Wissen zu haben. Völkerverständigung ist noch viel lustiger, wenn man vorher ein paar Bier getrunken hat und sich konsequent gegenseitig nicht zuhört! Jedenfalls haben die beiden meine Erfahrung sehr bereichert und dafür bin ich ihnen immer noch dankbar.

Die All Blacks gewannen das Spiel (Highlights hier) erwartungsgemäß und ungefährdet mit 47-9. Natürlich verflog die Zeit wie im Flug, aber so ist das wohl mit den Ereignissen, die einem Glück bescheren. Trotzdem wurde einem kleinen, dreißigjährigen Jungen aus Deutschland ein Traum erfüllt. Und die neuen, unvergesslichen Augenblicke werden in Zukunft bestimmt für das ein oder andere Lächeln in Gedanken sorgen.

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